|
|
„Barbara
Dobrzanska, deren bezwingender Opfergang am Ende geradezu
atemlose Faszination im Parkett erzeugte, zelebrierte
Schöngesang vom Feinsten. Ihre Stimme, auf dem Zenit ihrer
vokalen Kräfte und Farben, machte diese Desdemona zum Ereignis,
souverän in der dramatischen Spitze wie im ersterbenden
Pianissimo, das sich im schicksalhaften Schlafgemach der Gattin
Otellos wie ätherisches Gold ausbreitete und die Staatskapelle
gar zu mystischem Streicherklang inspirierte. Überhaupt: Diese
Premiere war ein Sängerfest, und außer Barbara Dobrzanskas
Glanzleistung wird auch der Otello Lance Ryans in die Annalen
des Hauses eingehen. Vor kurzem noch feierte die Karlsruher
Wagner-Gemeinde mit seinem Ausnahme-Siegfried einen kultivierten
Tenor, der metallischen Glanz mit einem angenehm samtigen Timbre
verbindet. Mit gleichen Tugenden stellte er sich nun den heiklen
Herausforderungen der Verdi-Partie, brillant zwischen dem
jubilierenden „Esultate“ des Beginns und dem rasenden Wahn
seiner wachsenden Eifersucht wechselnd. Gerade in zentralen
Szenen wie dem unvergleichlichen Liebesduett im ersten Akt
schien das Verdi-Traumpaar über sich selbst hinauszuwachsen. Und
weil es die Sterne so gut mit dem Staatstheater meinten,
schenkten sie ihm auch einen Jago wie aus dem Bilderbuch. Walter
Donati legte den teuflischen Fähnrich nicht als protzigen
Wüstling an, sondern als hintergründig-verschlagenen Intriganten,
der seine raffinierte Dämonie mit markantem Bariton nicht nur im
herausragenden „Credo“ gleichsam höllisch verfeinerte.
Weitere prachtvolle Stimmen: Cenk
Biyik (Cassio) und Wilja
Ernst-Mosuraitis (Emilia). Hörenswert in kleineren Rollen: Mauro
Nicoletti, Mika Kares, Luiz Molz und Lukas Schmid. Die Chöre
(Carl Robert Helg) agierten in Bestform. Für die orchestrale
Verfeinerung des Abends sorgte unterdessen der
Generalmusikdirektor mit staunenswertem Temperament. Mit
entschiedener Attacke peitschte Anthony Bramall die Sturmeswogen
des Beginns hoch, gab er der vorzüglich musizierenden
Staatskapelle herrliche Schlagkraft wie in den Donnerschlägen
zur Besiegelung des rasenden Racheschwurs am Ende des zweiten
Akts. Aber auch die leisen Töne dieser reifen Verdi-Perle
fächerten Bramall und das Orchester verführerisch auf. Die Gunst
der Operngeister mag auch den Hausherrn Achim Thorwald zu einer
bemerkenswerten Inszenierung beflügelt haben, die sich weder zu
gewagtem Experiment noch zu harmloser Unverbindlichkeit
verleiten ließ. Jenseits einer chaotisch schweifenden Ideenfülle
vertraut sie grundsolider szenischer Arbeit. Ihre Hauptidee
manifestiert sich in einer imposanten mitunter lebhaft
rotierenden Freitreppe, die als optische Metapher für Otellos
buchstäblich abgestuften Wahnprozess verstanden werden dürfte
und von Christian Floeren zum Kern einer geschmackvollen
Bühnenbilds gemacht wurde, in dem Ute Frühlings dezente Kostüme
nicht stören. Kurz: Der neue „Otello“ ist auch hinsichtlich
seiner Ausstattung eine runde Sache.“
BNN, 18.06.2007
|